Quelle: http://kurier.at/nachrichten/wien/2034843.php
Mariahilfer Straße ab 2013 autofrei
Den Autofreien Tag merkten die Wiener kaum. Und wenn die ganze Stadt autofrei wäre? Auf der Mahü wird es jetzt ernst.
Der Ring, ein Dorfplatz. Ein Radler plaudert mit einem Polizisten, Herrl und sein Bastardl spazieren mitten auf die Straße, der Hund schnofelt an einem Grasballen, der wenig später hier ausgerollt wird. Auf den Liegestühlen aus der Strandbar Herrmann räkeln sich Sonnenanbeter. So kann ein Mittwoch Mittag mitten in Wien aussehen.
Umweltaktivisten und die Radler-Lobby IG Fahrrad haben den "Autofreien Tag" genützt, um hier eine Demo zu veranstalten: Gras statt Autos zwischen Oper und Bellaria. Es wird gepicknickt (Nudelsalat, Vollkornbrot, Bionade) und weltverbessert.
Das einzige Auto, das hier stehen darf, ist mit Gras verkleidet, ein amerikanisches Touristenpaar fotografiert und findet das alles "weird", also "schräg". Ein paar Querstraßen weiter stehen Kolonnen, der Verkehrsfunk entrüstet sich über Staus zwischen Naschmarkt und Zweierlinie. Ein ganz normaler Wochentag in Wien.
Umsteigen
Knapp 400 österreichische Gemeinden beteiligten sich gestern am europaweiten Autofreien Tag. Die Autofahrer sollten dazu motiviert werden, auf Öffis oder auf Rad umzusteigen. Der Polizist, der den Verkehr an der Ecke Zweierlinie Babenbergerstraße regelt, wo am Autofreien Tag genauso viel Verkehr ist wie immer, ist skeptisch: "Des funktioniert ned. Is jo ollas freiwi llig."
Das wird so bleiben. Vorerst. "Das Auto hat als Verkehrsmittel in der Stadt keine Zukunft", ist zwar das Motto des Pariser Bürgermeisters Betrand Delanoë. In Wien ist man da schon vorsichtiger. "Die Wiener Lösung heißt ,g'scheit unterwegs'. Jeder soll nachdenken, ob er das Auto auch wirklich braucht," sagt Verkehrsstadtrat Rudi Schicker: Ganz schön optimistisch, den Wienern so viel soviel Eigenverantwortung zuzutrauen. Auf der "Mahü", zum Beispiel, da gibt es recht wenig Ausreden. Beste Öffi-Anbindung, alle paar Meter eine U-Bahnstation. Und trotzdem stehen viele lieber im Stau als in der U3. Das soll sich ändern, kündigt Schicker im KURIER-Gespräch an. "Bis 2013 soll die Mariahilfer Straße Fußgängerzone sein", sagt er.
Der genaue Plan: Derzeit werden verkehrstechnische Details ausgearbeitet. Was macht man mit den Querstraßen? Mit dem 13A? Mit den Garagenzufahrten? Die Innere Mariahilfer Straße soll abschnittweise Fußgängerzone werden. Ab 2011 wird dann diskutiert. Gut, dass Schicker danach noch zwei Jahre Zeit bis zur Umsetzung vorgesehen hat.
Genug diskutiert
Mariahilfs Bezirkschefin Renate Kauf- mann, SP, hat "genug von den politischen Diskussionen. Die haben nichts gebracht." Sie lässt das Projekt von einem Team der Technischen Universität bearbeiten - unter Leitung eines britischen Landschaftsarchitekten.
"Dass das Auto in der Stadt keine Zukunft hat, hab' ich schon vor zwanzig Jahren gesagt." Verkehrsplaner Hermann Knoflacher ist so etwas wie der Grandseigneur unter Wiens Verkehrstheoretikern.
Der TU-Professor predigte bereits 1968 die autofreie Kärntner Straße, damals unvorstellbar. Er ist auch weiterhin der Meinung, dass Fußgängerzonen ausgeweitet gehören. Zumindest der gesamte erste und historische Grätzel anderer Bezirke sollten autofrei werden. Für Wirtschaftskammer und Autolobbyisten undenkbar. "Parkplatzvernichtung" ist ein Reizwort. Knoflacher will das lieber positiv formulieren. "Ich will den Menschen ja nichts wegnehmen. Ich will ihnen die Freiheit zurückgeben."